Brief von Paul Kult

Wenn ich vom Wolf abstamme, wovon stammt dann eigentlich mein Futter ab? Der Mensch stammt vom Affen ab, warum ernährt er sich dann auch nicht so?

Es gibt Fragen, die sich Hunde noch seltener stellen als Menschen. Lasst uns trotzdem mal darüber reden! Zum Beispiel über das Mysterium gesunder und vor allem artgerechter Fütterung mit frischem Fleisch, inklusiv 80% (!) Proteinanteil.

Die „viel-hilft-viel“ Theoretiker der Frischfleisch-Fraktion bestehen ja nun mal darauf, dass ich als Abkömmling des Wolfes – mit ein paar tausend Jahren zwischenzeitlicher Weiterentwicklung – auch gefüttert werden müsste wie meine Ahnenväter- und Mütter. Also die volle Ladung pures Protein, am besten 40% von ganz praktisch nur möglichen rund 20% Proteinanteil im normalen Frischfleisch. Für die, die nachrechnen wollen oder noch ein „Was ist Was“ Erklärbuch im Kinderzimmer haben: Hauptbestandteil von frischem d. h. nicht getrocknetem Fleisch ist üblicherweise Wasser mit rund 70% Anteil. Und erst dann kommt das uns bekannte Protein, better known as „Eiweiß“ mit 20 bis 25 % Anteil ins fleischliche Spiel. Also: Frischfleisch mit 40% Proteinanteil hat Mutter Natur nicht im Angebot. Auch nicht zu Zeiten sich selbst gesund ernährender hyperaktiver Wölfe im täglichen Überlebenskampf.
Außerdem hatte mein Urahn – in der Tat ein Fleischfresser, der aber auch nicht die mit Grünzeug gut gefüllten Mägen seiner Lieblingsbeute weggeworfen oder verschenkt sondern lustvoll mit verspeist hat und auch Pflanzen als Notnahrung nicht verschmähte, ein etwas anderes Tagespensum als ich. Energieverbrauch inklusive. Canis lupus hatte und hat bis heute für Nahrungssuche, Arterhaltung und Revierkämpfe etc. tägliche Laufstrecken von 20 und mehr Kilometern zu absolvieren. Das schafft unsereins als bester Freund des Menschen auch. Allerdings, rasseabhängig und in engem Bezug zur Agilität unserer Halter wahlweise in Zeiträumen zwischen einem Monat und einem kompletten Jahr und nicht mehr pro Tag. Times are changing, Gassi-Runden und damit verbundener Energieabbau bei uns Normalo-Hunden auch. Halten wir also fest: reine Frischfleisch Ernährung für normale Hunde als Heimtiere im Jetzt und Hier ist aus mehreren Gründen Mangelernährung:
Denn erstens fehlen die bei der Wolfsnahrung sinnvollen sonstigen wichtigen Bestandteile z. B. frisch gerissener Hasen, Fasan, Ziegen, Rehe und wegen mir auch Rinder bzw. Büffel. Und die schicke Verpackung inklusiv teilweise mit verzehrten Haut und Haaren und vor allem die leckeren Innereien mit ihren wertvollen pflanzlichen Inhaltsstoffen.

Und zweitens ist unsereins nicht mehr im täglichen Überlebenskampf im Dauerstress und Dauerlauf sondern lässt es deutlich gemächlicher angehen. Wie bei Euch: ein Bürositzer braucht auch deutlich weniger proteinhaltiges Kraftfutter als ein Eisenbieger oder Bauarbeiter. Normal!
Bleibt noch die spannende Frage, woher Hundefutter eigentlich kommt. In der Bibel ist darüber nix zu lesen. Was bedeutet, es ist eine – auf die Gesamtgeschichte canider Nahrungsaufnahme von zig tausend Jahren gesehen – ziemlich neue Erfindung. Denn fertiges Hundefutter als Produkt gab es bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein so gut wie gar nicht. Haus-, Hof-, Begleitschutz- und Jagdhunde im Sinne menschlicher Nutztierhaltung aber schon deutlich früher. Der Hund bekam als Futter eben lange Zeit das, was der Mensch ihm übrig lies oder zuwies. Also vieles von dem, was für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet erschien oder schlicht übrig war: ESSENSRESTE!

Schlachtabfälle, abgenagte Knochen, faulige Fleischreste, altes Brot, runzelige Kartoffeln, matschiges Obst und Gemüse. Denn niemand, weder mächtiger König noch schmächtiges Bäuerlein, bewirtete seine Hunde - man ernährte sie nur! Mit dem, was man nicht mehr brauchte bzw. selbst nicht mehr verzehren mochte. Jahrhunderte wenn nicht gar Jahrtausende lange Mangelernährung zum Schaden der Hunde? Wohl kaum. Zumindest solange nicht, wie Salz, Zucker und Fett ebenfalls Luxusgüter der menschlichen Nahrungszubereitung waren, die nicht im Übermaß zur Verfügung standen.
Hundefutter im klassischen Sinne eines Herstellungsprozesses von geeigneten Nahrungsbestandteilen speziell für uns kam … insbesondere in seiner Frühphase d. h. seit 1893 von Bubeck! Denn dort wurde – wohl weltweit erstmalig – aus wertvollen Rohstoffen wie Frischfleisch und Ballaststoffen wie Getreide schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten Hundefutter gebacken. Dabei diente der Backprozess damals vor allem der verlängerten Haltbarkeit. Aber schon zu dieser frühen Phase kamen keine Fleischabfälle geschweige denn minderwertiges Getreide oder andere menschliche Essensreste ins Bubecksche „Backfutter“ sondern bei regionalen Schlachtern und Landwirten beschaffte vernünftige lebensmittelfähige Grundzutaten. Das war man der in jenen Tagen schon wohlmögenden und bedeutsamen Kundschaft schuldig. Denn als Erste profitierten die Jagdhunde des württembergischen Hochadels wie auch die Wachhunde der frühindustriellen Gründerfamilien von der wertvollen Bubeck Hundenahrung. Die Adelshäuser haben über diese lange Zeit an gesellschaftlicher Bedeutung zwar verloren, aber dafür sind einige andere damalige Kunden von Bubeck – inzwischen überwiegend ohne eigenes canides Wachpersonal - wirtschaftlich weiter prächtig gediehen und erfreuen sich echten Weltrufes. Zum Beispiel Unternehmen wie Bosch und Carl Benz.

So, das wäre zumindest schon mal klar gebellt. Euch allen einen großen Napf oder Teller voll lecker Futter und reichlich Auslauf!
Euer

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